Psychologie: One Table Tilting

Tilt (auch on steam oder heiß laufen) bezeichnet im Poker einen gereizten oder aggressiven, in jedem Fall aber negativ beeinflussenden, Gemütszustand eines Spielers. (Quelle: Wikipedia)
Eine Besonderheit im Online Poker ist das Multitabling, d.h. das Spiel an mehreren Tischen gleichzeitig. Im folgenden beschreibe ich die Besonderheit, dass ein Tilt sich nur auf einen bestimmten Tisch bezieht und stelle die These auf, wie die Anordnung der Tische auf dem Bildschirm einen Tilt auslösen kann.

Ausgangssituation

Wem ist folgende Situation denn noch nicht passiert: Man multitabled an 4 Tischen und spielt sein A-Game. Man wird von Bad Beats einigermaßen verschont, die eigenen draws kommen wahrscheinlichkeitsgemäß an und der eigene Stack wächst langsam aber kontinuierlich an. Nach einer Stunde stellt man fest, dass man an jedem Tisch ca. 5BB im Plus ist. Na ja, an fast allen Tischen - an einem Tisch beträgt der Verlust nämlich 10 BB. Komisch denken wir uns, ist doch eigentlich nichts außergewöhnliches passiert... wir spielen weiter unser A-Game - schenken unserem loosing Table allerdings ein wenig mehr Beachtung mit dem Ziel, auch an diesem Tisch ins Plus zu kommen. Das Ende vom Lied kennt wohl jeder: Man spielt an diesem Tisch einfach nicht mehr sein A-Game. Hier ein call zuviel, da ein schwachsinniger Bluff und schon darf man nachkaufen. Wie gesagt alles nur an diesem einem Tisch. Wenn man Glück hat und den eigenen "One Table Tilt" bemerkt, schließt man den Tisch und macht einen Neuen auf. Oftmals passiert es einem jedoch, dass man 2 bis 3mal nachkauft und die Session dann mit dickem Minus abschließt.

Ursache: Anordnung des Tisches

Auch wenn es trivial klingt. Die Anordnung des Tisches kann das Auslösen eines One Table Tilts verstärken. Ich bin eher durch Zufall darauf gekommen- mir ist beim Spielen nämlich aufgefallen, dass ich meine Tilts vornehmlich auf der rechten Seite des Monitors hatte. Dabei erinnerte ich mich an die Aussage meines alten Biologielehrers, dass nämlich der Mensch in der Regel dem linken Sehbereich mehr Aufmerksamkeit schenkt. Z.B. die Schüler in der linken Hälfte der Klasse werden häufiger drangenommen. (Muss ich nicht erwähnen, dass ich danach immer rechts saß, oder?) Aufs Multitabling übertragen bedeutet dies, dass man von den linken Tischen einfach wesentlich mehr Informationen aufnimmt als von den rechten. Rechts ist man also anfälliger!


Abbildung: Informationen auf der rechten Bildschirmhälfte werden eher übersehen.

Das Experiment

Ich hab's mir natürlich nicht nehmen lassen und ein kleines Experiment gestartet. (Das dies nicht entsprechenden statistischen Methoden genügt ist mir klar)
  • "Versuchsaufbau": 4 tabling auf Pokerstars FL Longhand wegen geringerer Varianz als Shorthand. Nachdem ich vier Tische zusammen hatte, habe ich immer einen Screenshot für die spätere Auswertung gemacht.
  • Anzahl der Versuche: 20 Sessions á 4 Tische.
  • Ergebnis: 5 mal bin ich auf der rechten Seite dem Tilt-Gott näher gekommen, 2 mal auf der linken. Grundsätzlich hatte ich rechts mehr Verluste als links.
Werde das Experiment in jedem Fall weiterführen...

Schwierige Lösung

OK, wie sollte man jetzt mit so einer Situation umgehen. Das man im rechten Gesichtsfeld einfach biologisch unaufmerksamer ist, kann man wohl nicht abstellen. Das einzige, was man tun kann, ist sich darüber bewusst zu werden, dass man sich dem Tilt nähert.
Grundsätzlicher Rat: Tisch wechseln! Nicht nachkaufen, nicht auch noch die letzten Kröten verballern, kein "eine letzte Hand noch", maximal noch ein paar Hände bis der BigBlind fällig ist. Noch einmal, Tisch wechseln! Zwei Gründe dafür:
1. Das eigene Tableimage ist in der Regel schon in Mitleidenschaft gezogen, man kann sein A-game nicht wie gewohnt durchziehen, selbst wenn man wollte.
2. Man schafft es nicht, die eigene Psyche auf diesem einem Tisch so im Griff zu haben, dass man überhaupt noch mal sein A-Game spielt.
3. Hier kommt natürlich noch der psychologische Moment ins Spiel, dass man sich einfach nicht gerne von einem Tisch als loosing Player und hoffnungsloser Vollfisch verabschiedet. "Das hol ich wieder raus...". Wer kennt das nicht. Wird aber in der Regel nicht funktionieren. Also, Tisch wechseln und gut ist.

Dieser Ratschlag bezieht natürlich nur auf den One Table Tilt, ist man dagegen grundsätzlich "on tilt" sollte man generell aufhören zu spielen.

Ich hoffe, dieser kleine "Psychologie-Beitrag" hat euch gefallen, würde mich über Eure Erfahrungen & Feedback in den Kommentaren freuen.

See you at the tables,

Bonushure

Kommentare:

  1. Sehr interessante Beobachtung. Wenn ich meine letzten Loosing-Sessions betrachte, dann ist da definitiv was dran.

    Intuitiv habe ich Tische an denen es einfach nicht lief schonmal an eine andere Position gerückt - aber grundsätzlich ist es wohl besser, den Tisch einfach zu schliessen.

    AntwortenLöschen
  2. Da hab ich intuitiv ja schon alles richtig gemacht. Wenns euf einen Tisch schlecht läuft (meist links unten) verschieb ich den immer nach rechts oben und es funktioniert

    AntwortenLöschen
  3. die beobachtung trifft auch auf mein spiel zu
    nette news weiter so ;)

    AntwortenLöschen
  4. sehr interessante beobachtung!
    werde es (bei bedarf) mal mit tischrotation versuchen.
    immer interresante beiträge - weiter so.

    AntwortenLöschen
  5. Verschieb doch einfach deinen Monitor so weit nach links, dass alle Tische auf deiner linken Seite sind. Problem gelöst. :-)

    AntwortenLöschen
  6. @all: Danke für das Feedback.

    @anonym: Dann wäre natürlich der rechteste der linken Tische das Problem :-)

    AntwortenLöschen
  7. Diese Beobachtung konnte ich auch schon machen, wenn auch nicht beschreiben! Danke!

    Meine Lösung!
    Die Tische auf der rechten Seite habe ich größer eingestellt als die auf der linken Seite und wenn es dann tatsächlich nicht läuft, wird der Tisch mit einem auf der linken Seite getauscht.
    Dachte nicht, dass dies tatsächlich biologische Gründe hatte.

    AntwortenLöschen